Panic Room

Das Foto war heute Morgen in meiner Facebook-Timeline.

Es ist eine historische Aufnahme, die Dokumentation eines bestimmten Ortes zu einer bestimmten Zeit, aber der Ort, an dem es entstanden ist, tut nichts zur Sache, genauso wenig wie das Aufnahmedatum. Jenseits aller raumzeitlichen Koordinaten macht es etwas sichtbar, besser: spürbar, das es zwar zu jeder Zeit und an jedem Ort gibt, das sich begrifflichen Fixierungen gleichwohl entzieht.

An einem Sonntag, an dem die Stille immer bedrohlicher anbrandet, ist dieses Foto mein Panic Room. Wenn ich der leichten Krümmung der Gleise folge, hinein in die Engführung, die die Stimmen der vor mir liegenden Bahnstrecke, der dunklen Hochbahntrasse und der offenen Dammkrone irgendwo dort hinten zusammenführt, dann glätten sich die Wogen, ich werde ruhig.

Alles ist gut, das Tor steht offen.

Oder, wie Paul Celan sagt: Ein Stern hat wohl noch Licht.

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(Zum obigen Foto: ©PETERSHAGEN – Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-nc-sa/2.0/ – Das Foto wurde nicht verändert oder bearbeitet, es wird hier in einem privaten Blog ohne kommerzielle Zwecke verwendet.)

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Ein Jahr nüchtern

Seit einem Jahr habe ich keinen Tropfen Alkohol mehr getrunken. Wie gesagt: ich war kein Säufer. Aber manchmal habe ich mir erlaubt, diese hässliche Welt für ein paar Momente schön zu trinken.

Das geht nun nicht mehr. Warum? Weil ich mich so entschieden habe. Ich bin seitdem entspannter, ein erträglicherer Ehemann, und meistens schlafe ich besser. Und ich kann mir sagen, dass es gut für meine Gesundheit ist. (Als ob ich Wert darauf legen würde, alt zu werden, *lol*.)

Nur schön ist es nicht, weißgott nicht.

Star Trek, Golfball, Taschenrechner – eine Sonntagsmeditation

„Der Weltraum – unendliche Weiten …“ Wer kennt sie nicht, die ersten Worte des Intros jeder Episode von Star Trek, während derer ein Raumschiff – das Raumschiff – in den Tiefen des schwarzen, nur mit verstreuten Lichtpunkten besetzten Weltraums verschwindet. Als Kind und Jugendlicher war ein Samstag ohne Raumschiff Enterprise kein Samstag. Die Sportschau konnte mir gestohlen bleiben. Aber ohne Commander Kirk, Scotty, Dr. McCoy und Spock ging gar nichts.

Unendliche Weiten.

Zwei Worte, die ich verstehe, deren Bedeutung ich kenne, aber mit denen ich nicht wirklich etwas verbinden kann außer den enigmatischen Abgründen der Handtasche meiner Frau, in denen die Raumzeit aufgehoben scheint. Seltsam nebulös bleiben ansonsten diese Worte, nicht fassbar, irgendwie schwammig. Für einen Sprachfetischisten eine zutiefst unbefriedigende Situation, die es zu ändern gilt.

In meiner Krimskrams-Schublade finde ich einen Golfball mit 4,3 Zentimeter Durchmesser. Ich lege ihn an die Rasenkante unserer Terrasse. Aus dem Küchenschrank hole ich das Glas mit der Hirse und fummle ein Korn heraus. Für einen feinmotorischen Vollhonk eine echte Challenge. Das Hirsekorn, das ich schließlich aus seinem sozialen Umfeld isolieren und auf einer Messerspitze zwischenparken kann, ist deutlich größer als die 0,4 Millimeter, die es haben dürfte, aber etwas Kleineres finde ich nicht. Und es wäre auch schwierig zu handhaben. Das Hirsekorn kommt in einen Eierbecher, und der Eierbecher auf eine der Betonplatten der Terrasse, wo in einer Entfernung von 4,60 Meter vorne an der Rasenkante der Golfball auf seinen Einsatz wartet. Wofür so ein ausziehbares Maßband (Yippie Yippie Yeah!) doch alles gut ist.

In die Verlängerung Golfball – Eierbecher/Hirsekorn komme ich, ebenfalls sozial isoliert, aber dafür mit Gartenstuhl statt Eierbecher. Jetzt habe ich das Ensemble hübsch vor mir. Alec, unser Labrador, der meine Aktion höchst interessiert verfolgt hat, zieht sich übelst enttäuscht zurück auf seine Decke – gibt ja ganz offensichtlich nix zu fressen.

Ich hingegen bin sehr zufrieden: Abgesehen von dem Schönheitsfehler des zu großen Hirsekorns habe ich nun ein maßstabsgetreues Modell Erde (Hirsekorn) – Sonne (Golfball). Das Wort Weite bekommt erste Konturen und Alec ein Leckerli – bei meinen höchst anspruchsvollen astrophysikalischen Versuchsanordnungen kann ich mir Ablenkung durch einen leidenden Hundeblick nicht leisten.

Jetzt ist Google dran. Und Google sagt mir, dass der Stern, der unserem Stern (=Sonne) am nächsten ist, Proxima Centauri heißt. Der kleinste der drei Sterne des Alpha-Centauri-Systems. Entfernung: 1,34 parsec. Mit anderen Worten: 276.395 Astronomische Einheiten (AE). Eine AE ist gleich der mittleren Entfernung der Erde von der Sonne, also 150 Millionen Kilometer. Und ein AE entspricht den 4,60 Metern vom Hirsekorn bis zum Golfball. Nur, dass wir nicht aneinander vorbeireden.

Jetzt bin ich froh, dass ich nur einen Golfball habe. Hätte ich einen zweiten und würde ihn Proxima Centauri taufen, müsste ich mir ein paar Tage Urlaub und einen ordentlichen Mietwagen nehmen: Um dem Hirsekorn-Golfball-Maßstab treu zu bleiben, wäre Golfball II alias Proxima Centauri irgendwo in der Nähe von Madrid zu deponieren, 1.300 Kilometer bzw. 18 Autostunden von meinem Gartenstuhl im nördlichen Rheinland-Pfalz entfernt. Und Mautgebühren müsste ich auch berappen.

Ich schaue auf das zu große Hirsekorn in meinem Eierbecher. Dafür muss ich die Brille aufsetzen, denn auch wenn es zu groß ist, ist es eben doch sehr klein. Weltraum und Eierbecher nehmen sich da nichts: sowohl hier als auch dort ist eben alles relativ. Noch kleiner sind die 8,2 Milliarden menschliche Mikroorganismen, die imaginär auf dem Hirsekorn leben. An dieser Stelle erwäge ich flüchtig die Anschaffung eines Elektronenmikroskops: dann könnte ich auf Bayreuth reinzoomen und vielleicht meine Mutter imaginär am Fenster winken sehen. Sofern Bayreuth nicht gerade auf der beobachterabgewandten Seite des Hirsekorns läge. Da es aber voraussichtlich noch eine Weile dauern wird, bis Elektronenmikroskope für den Hausgebrauch bei den gängigen Discountern verfügbar sein werden, hebe ich vorerst den Kopf und schaue nach Südwesten: Dort, 1.300 Kilometer hinter dem Haus unserer Nachbarn, liegt Madrid. Und dort liegt auch mein virtueller zweiter Golfball, auf dem Proxima Centauri steht. Meine noch verbliebenen Lateinkenntnisse zaubern da ein fettes Grinsen in mein Gesicht: proximus, -a, -um; der nächste. Haha. Der war gut!

So weit, so gut. Oder eben nicht weit. Wir sind schließlich gerade mal bis Madrid gekommen. Beziehungsweise Proxima Centauri. Da hat Lieutenant Sulu auf der Enterprise noch nicht mal den ersten Gang eingelegt. Die Star-Trek-Mannschaft hatte andere Ziele: „Viele Lichtjahre von der Erde entfernt dringt die Enterprise in Galaxien vor, die nie ein Mensch zuvor gesehen hat.“

Oha. Galaxien also. Plural. Das kann ja heiter werden. Bis Madrid musste ich ja schon zweimal tanken.

Google weiß wieder alles und klärt mich auf: „Die Andromeda-Galaxie, unsere nächste große spiralförmige Nachbargalaxie, ist ungefähr 0,765 Megaparsec (das entspricht 765.000 Parsec) entfernt.“ Will sagen: In meinem Golfball-Hirsekorn-Universum wäre die Andromeda-Galaxie 764 Millionen Kilometer weit entfernt. Also einmal bis zur Sonne und dann noch viermal genauso weit. Und da draußen gibt es auch keine Tankstellen mehr, sagt der ADAC. Es sei denn, ich würde mit Wasserstoff fahren und mir den Sprit direkt aus der Sonne abfüllen. Da brauch ich aber einen hohen Lichtschutzfaktor.

Kurzer Orientierungsstop: Ich bin in meinem Modell nun gerade mal von meinem Hirsekorn (Erde) auf der Terrasse über eine Pinkelpause in Madrid (Proxima Centauri) bis zur fünffachen Sonnenentfernung gekommen und damit bis zur allernächsten Galaxie (Andromeda). Es gibt natürlich noch ein paar mehr. Ungefähr 200 Milliarden. Im derzeit beobachtbaren Universum. Und die Entfernungen zwischen ihnen bewegen sich typischerweise so in Größenordnungen von Millionen parsec.

An diesem Punkt:

registriere ich a) einen zunehmenden Respekt vor Commander Kirk und seinen Leuten bzw. den Dimensionen, die die Speisekammer auf der Enterprise gehabt haben muss,

macht sich b) ehrfürchtiges Staunen in mir breit, wenn der Begriff „Nachbar“ in astronomischen Zusammenhängen fällt,

hat c) die Wortkombination Unendliche Weiten einen etwas konkreteren Vorstellungsinhalt bekommen. Denn Kirk & Co. wollten ja zu Galaxien, „die nie zuvor ein Mensch gesehen hat“. Und das im Jahr 2200. Da müssen wir aber Gas geben, wenn wir die Fahrzeugtechnik bis dahin entsprechend aufpimpen wollen. Sonst gehen hinter Madrid sehr schnell die Lichter aus.

Entspannt lehne ich mich in meinem Gartenstuhl zurück und schaue über den Hirsekorn-Eierbecher, den Golfball und das Haus auf der anderen Straßenseite in Richtung Madrid, wo im Mai-Himmel die 1 AE entfernte Sonne strahlt. Nicht nur Alec, auch ich bin der Meinung, dass sich die Aktion gelohnt hat. Ich weiß jetzt, dass unendlich weit tatsächlich echt weit ist.

Und auf diesem Hintergrund ist natürlich auch vollkommen klar, von welch überzeitlicher Bedeutung es ist, ob das 220.000 km² große Kaschmir, das nur unter dem Elektronenmikroskop zu erkennen ist, zu Indien, Pakistan oder China gehört. Oder die Falkland-Inseln zu Großbritannien oder zu Argentinien, das Baskenland zu Spanien, die Ukraine zu Russland und Grönland zu den USA.

Trump, Putin, Xi Jinping und wie sie alle heißen sollten einfach öfter mal Hirsebrei essen.

Das andere Kursk.

Es ist November, und da sind all diese Probleme, die Millionen andere auch haben: Das Alter, der Job, die verdammte Hecke, die uns über den Kopf wächst, und der Hund hat Krebs. Das heißt: Vielleicht auch nicht. Eigentlich müsste er längst tot sein, aber er ist quietschfidel und freut sich seines Hundelebens (gottseidank!). Die Tierklinik sagt: Wir sind mit unserem Latein am Ende, keine Ahnung, was das ist. Und das Ding an seinem rechten Hinterlauf wächst und wächst. Langsam, aber stetig.

Seit vier Monaten trinke ich keinen Alkohol mehr. Nullkommanull. Nicht, dass ich früher gesoffen hätte. Zwei- bis dreimal die Woche ein oder zwei Bier am Abend. Selten eine Flasche Rotwein. Dann wieder zwei Wochen gar nichts. Damit bin ich noch kein Alkoholiker, wage ich zu behaupten. Aber es scheint, dass selbst kleinste Mengen dieser Substanz mich mutieren lassen. Ich bin dann 24/7 mürrisch, reizbar, angespannt. Also läuft jetzt der Null-Toleranz-Selbstversuch. Bisher erfolgreich, was die Wirkung auf meine unmittelbare Umgebung betrifft. Aber der Weichzeichner fehlt, der den Blick auf das Leben erträglich macht. Das ist nicht lustig.

Tja, und dann habe ich noch das Zocken eingestellt. Kein Milsim-Shooter mehr, keine Heli-Tiefflüge über virtuelle Landschaften, keine Sniperattacken auf feindliche Granatwerferstellungen. Nicht aus irgendwelchen salutogenetischen Erwägungen heraus. Einfach so. Kein‘ Bock mehr.

Es wird also eng. Leben ohne Ablenkung und Betäubung => Vollkatastrophe.

Und natürlich sind das alles Luxusprobleme. In der Ukraine würden sie sich totlachen. Aber es hilft nichts: In mir ist das andere Kursk, und die Frontlinie in meinem Hirn verläuft messerscharf zwischen linker und rechter Hemisphäre.

Deswegen sitze ich jetzt hier. In diesem Bäckerei-Schnellcafé neben dem Einkaufszentrum an einem Samstagmorgen im November. Bei einem Kaffee und einem Croissant, und ich schreibe: Da sind gedämpfte Stimmen, und Papiertüten knistern, es riecht nach frischen Brötchen, ein Kind kräht. Und draußen im Nassgrau suchen sie auf dem Parkplatz verzweifelt nach einer Lücke, so wie ich nach einer Lücke suche im Dauerbeschuss der Dunkelweltnarrative. – Sinneseindrücke plus Sprachzentrum hält böse Geister fern, hab‘ ich gelernt. Also hau in die Tasten, Junge …

Das Schwarze da drinnen im Zaum halten. Einfach nur überleben.

Einfach nur überleben. Das ist gut, lol.

Ihr habt ja keine Ahnung.

Etwas sehr Schönes

Ich sitze am Schreibtisch in meinem Büro, es ist morgens Viertel nach Neun. Vor meinem Fenster der Hof einer deutschen Notunterkunft für Obdachlose, und irgendwie wandert meine Aufmerksamkeit zu den Pflanzen vor meinem Fenster, ihrem sanften Gegenlichtgrün. Wunderschön. So was bemerke und wertschätze ich viel zu selten.


Dann hole ich einen Ordner aus dem Schrank, und als ich mich wieder setze, steht einer unserer Bewohner vor dem Kübel, ein langjähriger Drogenkonsument mittleren Alters, halb mit dem Rücken zu mir. Wie immer hat er seinen abgewetzten Hut in die Stirn gezogen, und er hält einen Thermobecher mit dampfendem Kaffee in der Hand. Entspannt und gleichzeitig konzentriert, mit leicht geneigtem Kopf, schaut er auf die Lavendelblüten. Er steht ganz still, in völliger Selbstvergessenheit. Dann sehe ich die Hummel, die dort von Blüte zu Blüte fliegt, die er bei ihrer Arbeit beobachtet.


Irgendetwas an diesem Bild berührt mich so sehr, dass ich feuchte Augen kriege: Dieser ausgezehrte Hardcore-User, der Drogen vertickt, todkrank ist, tief versunken und gleichzeitig hellwach bei diesem archetypischen Naturgeschehen verweilend, man könnte sagen: mit ihm verschmelzend. In diesem Moment ist er alle Menschen, die jemals staunten und jemals staunen werden über das Wunder einer Hummel, die im Morgenlicht von Blüte zu Blüte brummt.


In dieser von Gewalt, Elend und Tod geprägten Umgebung einer Notunterkunft, die weißgott nicht reich ist an Stille und Frieden, war das ein besonderer Moment, quasi herausgehoben aus aller Zeit. Etwas, das immer so war und immer so sein wird, wenn Menschen vom Wunder des Lebens berührt werden. Etwas sehr Schönes.

Cockpit

Boarding:


• Ein Aprilabend mit Regen vor dem Fenster, wenn es eben dunkel wird, und der Wind mit den Zweigen der Birke die Straßenlaterne peitscht.
• Ein Zimmer im ersten Stock mit Fenster nach Westen, wo knapp über dem Horizont noch ein silbergrauer Streifen zu sehen ist.
• Mein Ledersessel mit dem Hocker zum Beinehochlegen und daneben die Lesestehlampe, IKEA 1980.
• Eine Flasche Faustino VII 2021.
• Ein Ritzenhoff-Rotweinglas aus der Kollektion „Sagengold“, die #1: Theseus, Ariadne, der Minotaurus.
• Lesebrille, Tablet.
• Das Wichtigste: Der Band „439 Gedichte“ von Charles Bukowski, Frankfurt 2003, Verlag Zweitausendeins, die Hardcover-Ausgabe mit Goldprägung.


Runway:


Rotwein ins Glas, schnüffeln: Urlaubsbilder, die steinigen Hügel auf Fuerteventura. Sonne. Kakteen. Sanfte Wellen, die auf dem Sand auslaufen. Und wie fast immer Wind natürlich. – Theseus … Ich sitze wieder in der Landzahnarztpraxis von Dr. Burger in einem 1000-Seelen-Dorf in Oberfranken, knappe zehn Jahre alt, Ende der 60er. Zonenrandgebiet. Stundenlange Wartezeit. 20+ Leute im Raum vor der Tür zum Behandlungszimmer, die sich nur viel zu selten öffnet. Auf meinen Knien die „Sagen des klassischen Altertums“ von Gustav Schwab. Karies an einem Backenzahn macht Odysseus, Herakles, die Argonauten und den Minotaurus-Bezwinger zu meinen Freunden. Zwischen den Zeilen leuchtet blau der Himmel über der Ägäis, in dem weiße Vögel Kreise ziehen. Der Faustino ist mega. Ich lasse jeden Schluck im Mund langsam hin und her rollen, mit der Luft durch die Nase finden die Aromen ihren Weg zu den Geruchsnerven, und das Zimmer wird noch dunkler und wärmer, der Sessel noch tiefer. Mein Cockpit. Wieder das Glas in die Hand nehmen, mit dem Finger die Echtgold-Linien nachfahren, hinter denen der Tempranillo schimmert wie das Blut griechischer Helden. Tropfen klatschen ans Fenster. Mein Daumen findet den Weg zwischen zwei Seiten des Gedichtbandes von Bukowski, Seite 365, „Eins“. Buk, der Pferderennenjunkie. Er zählt einfach nur auf: Die Boxen, die Strecken, der Totalisator, die Jockeys, die Tribünen. Und über die, die wie er selbst mal wieder nichts gewonnen, aber alles verloren haben: „… der taube Schmerz des verwehrten Traums in tausend Gesichtern.“ So macht er das. Ein bisschen Blabla, und nach dem letzten Komma haut er dir einen Diamanten wie einen Prägestempel in die Stirn. Linda, seine Witwe, lebt noch. Hat nie wieder geheiratet, taucht ab und an in L.A. auf irgendwelchen Vernissagen auf, lebt zurückgezogen. Ich lese nur dieses eine Gedicht, das ist mehr als genug. Dann Augen schließen, noch ein Schluck, und Abflug ..


Über den Wolken:


Der Klang der Worte vermischt sich mit dem Duft des Weins und dem Prasseln des Regens und es passiert, was nur sehr selten passiert: Ein paar Atemzüge Leichtigkeit — dem Wein, den sagenhaften Gestalten auf dem Glas, einer Hand voll präzise geschliffener Worte und dem Regen geschuldet.


Nichts, das bleibt. Nichts, das man einfangen und irgendwo bunkern kann. Alles, was ist, jetzt.

Bis es so weit ist

Täglicher Schreibanreiz
Worauf freust du dich im Hinblick auf die Zukunft am meisten?

Am meisten freue ich mich darauf, dass es irgendwann vorbei sein wird, dieses Leben – in einer Stunde, ein paar Monaten, in zwanzig Jahren vielleicht, wer weiß das schon. Keine Zukunft mehr, keine Vergangenheit. Nichts.

Bis es so weit ist, versuche ich halbwegs ehrenhaft über die Runden zu kommen: Ein passabler Ehemann zu sein, meinen Job gut zu machen, möglichst niemandem zur Last zu fallen. Meine Wut im Zaum zu halten und meinen Frust bei mir. Ich spüre eine gewisse Verwandtschaft mit Fowler aus Graham Greenes „Der stille Amerikaner“:

„Mit den Menschen, wie sie nun mal waren, mochten sie kämpfen, mochten sie lieben, mochten sie morden: ich wollte nichts damit zu tun haben. Meine Kollegen von der Presse nannten sich Korrespondenten; ich zog die Bezeichnung Berichterstatter vor. Ich schrieb nieder, was ich sah. Ich unternahm nichts – selbst eine Meinung zu haben, ist schon eine Art von Tat.“

Es ist nicht so, dass ich auf sie warte, auf die Stunde X. Wäre es so, sollte ich besser gleich von der Brücke springen. Es ist so, wie es über meinem Facebook-Steckbrief steht, und wie ich es besser nicht fassen kann: Sich das alles ansehen. Gelegentlich lächeln. Weitermachen.“

Und während diese ebenso befremdliche wie obszöne Muppet Show um mich herum und mit mir mittendrin unerbittlich weitertobt, hangele ich mich unter einem gottlosen Himmel von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag. Hin und wieder ist da eine gute Tasse Darjeeling, oder der Hund leckt meine Hand, oder ich sitze am frühen Sonntagmorgen auf der Terrasse, wenn Regen fällt.

Das sind die Momente, die das Leben zwar nicht lebenswert, aber immerhin erträglich machen. Bis es so weit ist.

Lebensnahrung

Täglicher Schreibanreiz
Was ist die älteste Sache, die du besitzt und die du immer noch täglich benutzt?

Die älteste Sache, die ich besitze und immer noch täglich benutze, ist ein kleiner, dreifach gefalteter Zettel. Ich „benutze“ ihn, insofern er mein täglicher Begleiter ist, versteckt im sichersten Fach meines jeweils aktuellen Portemonnaies. Er ist 43 Jahre alt, und er ist kein Glücksbringer und kein schützendes Amulett. Für mich ist er eine Brücke – eine Brücke im Taschenformat, die ich herausziehen, aufklappen und über die ich dann mit großen, eiligen Schritten gehen kann …

Seit meinen Kindergartentagen hatte meine Mutter mir Pausenbrote mitgegeben. Damals, in Berlin, sauste ich auf meinem Kinderfahrrad die Rankestraße runter, überquerte an der Fußgängerampel die Lietzenburger, und nach zweihundert Metern war ich angekommen, mit dem an einem dünnen Lederriemen umgehängten rehbraunen Minitornister, der vor meinem Bauch baumelte, und aus dem später sorgfältig eingewickelte Butterbrote, Apfelschnitze und manchmal auch ein Riegel Schokolade zum Vorschein kamen.

Später dann, in der Schule, wurde die an der rauen Innenseite fleckig gewordene Ledertasche durch eine „Brotbüchse“ (heute würde man sagen: Frühstücksdose) ersetzt. Die begleitete mich 13 Jahre bis zum Abitur – und tatsächlich noch weit darüber hinaus.

Auch in den Zeiten, in denen ich mir längst mein Frühstück zu Hause selber machte, bereitete meine Mutter das Pausenbrot für die Schule am Abend vor und legte es für den nächsten Morgen in den Kühlschrank. Das grundlegende Ensemble hat sich in all diesen Jahren nie verändert: Butterbrote, Obst, und gelegentlich was zum Naschen. Vor Prüfungen oder wenn ich Liebeskummer hatte, stieg der Leckerli-Anteil. Mütter kriegen alles mit.

Ein dreiviertel Jahr nach dem Abi zog ich zu Hause aus. Vom fränkischen Nordbayern ins Rheinland, in einer ultrakurzfristig angesetzten Nacht- und Nebelaktion, im wahrsten Sinn des Wortes, denn es war Mitte Februar, bitterkalt im Frankenwald, und als ich um 3.00h morgens in völliger Dunkelheit mit meinem bis in die letzte Ecke vollgestopften Interrent-Transporter über die verschneiten Landstraßen rutschte, hingen in den tief verschneiten Fichten dicke Nebelschwaden.

In den letzten Jahren war es immer schwieriger geworden zu Hause, vor allem mit meinem Vater und meinem Bruder, und heute weiß ich, dass es zum geringsten Teil an den anderen lag. So war diese winternächtliche Fahrt für mich der lang ersehnte Aufbruch in mein selbstbestimmtes Leben, in die Freiheit, in die Zukunft – raus aus dem Kuhdorf und endlich wieder in eine urbane Region, im Westen. Erst viele Jahre später, als ich schon selbst erwachsene Kinder hatte und an diesen Moment zurückdachte, sah, nein: fühlte ich wie in einem urplötzlich aufpoppenden Vexierbild, wie es – trotz all der Streitigkeiten der letzten Jahre – am nächsten Morgen denen gegangen sein musste, die von nun an mit einem leeren Platz am Tisch frühstücken würden – vor allem meiner Mutter: ihr „Großer“ war nun nicht mehr da, von einem Tag auf den anderen …

Als ich es bis nach Bamberg zur vom Schnee geräumten und eisfreien Bundesstraße geschafft hatte, gönnte ich mir eine erste Pause. Vor der Abfahrt hatte meine Mutter eine Thermoskanne und meine Brotbüchse auf den Beifahrersitz gelegt, die ich jetzt öffnete, den dampfenden Milchkaffe in einem Becher daneben. Ich sah eingewickelte Butterbrote, Apfelstücke, eine halbe Banane und eine Tafel Ritter Sport Joghurt – meine Lieblingssorte. Und an der Seite steckte ein kleiner, dreifach gefalteter Zettel:

Dingelingeling

Täglicher Schreibanreiz
Welche Dinge benötigt man am ehesten, um ein gutes Leben zu führen?

Welche Dinge „man“ benötigt, weiß ich nicht. Welche „Dinge“ ich benötige, habe ich in dem nun schon etliche Dekaden laufenden Pilotprojekt „Das Leben des Michael H.“ sukzessive einzugrenzen versucht. Die übliche Trial&Error-Strategie halt, mit reichlich Auf-die-Fresse-Fallen, modrigen Sackgassen, falschen Fährten und seltenen Lottogewinnen: „Herzlichen Glückwunsch, Sie haben bei LOTTO 6 aus 49 einen Gewinn über 9,20 € erzielt.“ Juchhu.

Die Crux einer ersten Antwort auf die themagebende Frage besteht schon darin, dass meine Frau selbstredend kein Ding ist, sondern ein Mensch. Mit übernatürlichen Fähigkeiten. Anders ist nicht zu erklären, wie sie es mit mir aushält. Ohne sie wäre ich noch egozentrischer, noch depressiver, noch übellauniger. Kotzbrocken im Quadrat, ach was: Kubik. Mit anderen Worten: Sie wird benötigt, damit andere ein gutes oder zumindest besseres Leben führen können, indem sie meine toxische Einwirkung auf meine Umwelt auf ein homöopathisch erträgliches Maß runterskaliert. Welche es mir mit wohldosierter Anerkennung und gelegentlichen Sympathiebekundungen dankt. So haben also alle gewonnen; „man“, gewissermaßen. Die Dinge sind verzahnt.

Weiterhin werden benötigt: Genügend Schlaf und Bewegung, ein überdurchschnittlich hoher Stille-Anteil im Alltag, und reichlich gutes Essen. Wobei gutes Essen nicht gleich gesundem Essen ist. Zumindest habe ich in der Apotheken-Rundschau noch nie gelesen, dass Fränkischem Schäufele mit Rotkohl, Klößen und Biersauce spezielle Heilwirkungen zugeschrieben werden. Was uns zu einem der im Leben durchaus häufiger auftretenden Paradoxa führt: Ungesundes Essen kann heilsam sein. Echt jetzt? Yo. Hab ich getestet.

Wenden wir uns den Soft Skills zu. Das ist einfach, weil ich hier bequem auf Niebuhrs Gelassenheitsgebet zurückgreifen kann: Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann; den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann; und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden. – Für das durchschnittliche Haifischbecken unserer Berufsleben stellt dieser Dreiklang das ultimative Navi dar, wenn man nicht mit 40 als Kriegsversehrter die weiße Fahne schwenken will – go and get it! (Warum hier das metaphysische Konstrukt Gott bemüht werden muss, erschließt sich mir nicht wirklich, aber wer lieber was geschenkt bekommt, statt sich selbst drum zu bemühen, mag damit glücklich sein. Und Niebuhr war halt nicht nur ein Kind seiner Zeit, sondern überdies US-Amerikaner, der Arme. Da gehört nun mal in jeden Werbespot ein Bibelvers, wenn man (sich) gut verkaufen will …)

Last but not least ein Anti-Ding: Geselligkeit. Die benötige ich nun weiß Gott nicht. Es ist doch so schon alles schlimm genug. Lol.

Guinness & Wittgenstein

Täglicher Schreibanreiz
Mit wem würdest du dich gerne in nächster Zeit unterhalten?

Ich würde mich gerne mit Dieter unterhalten.

Dieter war der beste Freund, den ich je hatte. Genau genommen, war er der einzige. Er starb vor 43 Jahren bei einem Verkehrsunfall, als sein VW Käfer auf der vereisten Landstraße unter einen LKW rutschte.

Obwohl wir viele Jahre dieselbe Schule besucht hatten, lernten wir uns erst ein paar Monate vor dem Abi richtig kennen. Ohne ein Streber zu sein, war er der beste unseres Jahrgangs, er schloss mit 1,0 ab, ohne dass er viel hätte büffeln müssen. Er war still, bescheiden, hielt sich im Hintergrund, und war damit – ihr ahnt es – so ziemlich genau das Gegenteil von dem, der ich damals zu sein vorgab.

Wir unternahmen tagelange Wanderungen durch den Frankenwald, auf denen er mich in die Welt der Philosophie einführte, während ich seine Fragen zum Umgang mit dem für ihn äußerst rätselhaften anderen Geschlecht zu beantworten versuchte.

Aus zwei völlig verschiedenen Richtungen kommend, näherten wir uns mit Lichtgeschwindigkeit dem Punkt, der zum Zentrum unseres Denkens, unseres Lebensgefühls werden sollte (und es für mich bis heute geblieben ist): Die Empfindung einer völligen Leere und Sinnlosigkeit unseres Daseins, und die daraus sich ableitende Vorstellung, dass dieses Leben eine Strafe und Last ist, derer man sich idealiter so schnell wie möglich entledigten sollte.

Ich hatte nie den leisesten Zweifel daran, dass sein Unfall ein Unfall war und kein Selbstmord. Aber ich glaube auch, dass Dieter – im Gegensatz zu mir – so „fertig“ war mit dem Leben, dass aus welchen Gründen auch immer etwas geschah, das ihn davon befreite.

Ich säße heute Abend gerne für ein paar Stunden mit ihm auf unserem Felsen hoch über dem Höllental (heißt wirklich so), wo ganz in der Nähe ein hölzerner Hirsch seit langer Zeit zum Sprung in den Abgrund ansetzt, und vielleicht würde er mich mit dem ihm eigenen leisen Lächeln um die Mundwinkel fragen, wie es kommt, dass ich immer noch am Leben bin.

Wahrscheinlicher ist, dass wir einfach wie damals schweigend unser Guinness trinken würden, während langsam die Sonne hinter den Bäumen verschwindet, bis es schließlich dunkel geworden ist. „Worüber man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“

Man trifft nicht oft jemanden, mit dem diese Art Unterhaltung möglich ist.